Venture Capital in Baden-Württemberg entwickelt sich positiv

Venture Capital (VC) ist kein Massenprodukt zur Finanzierung von jungen Unternehmen. Art und Volumen des VC-Angebots muss immer im Kontext des gesamten Finanzierungsangebots eines Bundeslands gesehen werden: Gibt es, wie in Baden-Württemberg, gute Finanzierungsalternativen für Start-ups, kann das Fehlen von Wagniskapital zum Teil ausgeglichen werden. Eine neue Studie des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) im Auftrag der L-Bank analysiert erstmals umfangreich das Venture-Capital-Angebot in Baden-Württemberg.

Baden-Württembergs Markt für Venture Capital wächst wieder – vor allem die größeren Deals für Wachstumsunternehmen entwickeln sich gut. Die  ZEW-Studie stellt der aktuellen Entwicklung in Baden-Württemberg ein gutes Zeugnis aus. Die L-Bank als Förderbank des Landes hat sich auf dieses Wachstums-VC ausgerichtet und bereits im vergangenen Jahr den Investitionsrahmen ihres dafür vorgesehenen VC Portfolios von 50 auf 100 Millionen Euro verdoppelt.

“Mit der größeren Schlagkraft können wir die Unternehmen in der erfolgskritischen Wachstumsphase noch effektiver unterstützen”, sagt Dr. Axel Nawrath, Vorsitzender des Vorstandes der L-Bank. “Die Studie und die Nachfrage nach unserem VC bestärken uns, die Aufstockung hat sich als richtiger Schritt zur rechten Zeit erwiesen. Alleine in 2015 konnten wir rund 15 Millionen Euro Venture Capital neu vergeben.” Dr. Georg Licht, Leiter des ZEW-Forschungsbereichs “Industrieökonomik und Internationale Unternehmensführung” und wissenschaftlicher Leiter der Studie zum Wagniskapitalangebot in Baden-Württemberg, erklärt: “Die von der L-Bank investierten 15 Millionen Euro waren eine wesentliche Unterstützung für das Marktsegment der mittelgroßen Deals in Baden-Württemberg. Sie trägt mit dazu bei, dass sich dieses Segment in Baden-Württemberg weit positiver entwickelte als andere Marktsegmente.”

Kaum Risikokapitalfinanzierung durch Business Angels

Die Sicherung der Finanzierung stellt für junge Unternehmen eines der wichtigen Hindernisse auf dem Weg in den Markt dar. Ist die Hürde “Gründung” übersprungen, kann die überwiegende Anzahl von Gründungen bereits sehr schnell nach dem Markteintritt Erlöse erzielen. Zusammen mit den privaten Mitteln der Gründer ist so die Finanzierung der ersten Lebensphase des neu gegründeten Unternehmens gesichert. „Rund 93 Prozent des gesamten Finanzierungsvolumens der Unternehmen der Gründungsjahrgänge 2011 bis 2014 wurden so bestritten. Eine Finanzierung über Beteiligungs?oder Risikokapital oder durch Business Angels wird nur von einer sehr kleinen Anzahl von jungen Unternehmen in Anspruch genommen“, verdeutlicht Georg Licht. “Im Jahr 2014 waren dies etwa drei Prozent der in den Jahren 2011 bis 2014 gegründeten Unternehmen.” Die entsprechenden Finanzierungen machten nach den Angaben der am Mannheimer Gründungspanel teilnehmenden Unternehmen knapp ein Prozent des gesamten Finanzierungsbedarfs dieser Unternehmen in 2014 aus.

Der Trend beim VC-Angebot ist positiv. Für die vergangenen fünf Jahre ist ein deutlicher Anstieg des Volumens der Wagniskapitalinvestitionen in deutsche Unternehmen zu verzeichnen. “Dabei ist Baden-Württemberg neben Berlin das einzige Bundesland, in dem im Zeitraum 2011 bis 2014 das Niveau der VC-Investitionen vor der Krise 2009/2010 übertroffen werden konnte”, sagt Georg Licht. “Das lag insbesondere am Segment mittelgroßer VC-Beteiligungen, einem Marktsegment in dem auch die L-Bank stark engagiert ist.” Die absolute Anzahl der aller Transaktionen ist im Studienzeitraum hingegen rückläufig.

573 Wagniskapitalgeber am Markt aktiv – 60 davon in Baden-Württemberg

Die Komplexität des VC-Marktes ist gewachsen. Die zunehmend größeren Engagements führen dazu, dass Ko-Investitionen an Bedeutung gewinnen. Die Transaktionen werden häufiger von mehreren Investorentypen durchgeführt. Zu beobachten sind neue Anbieter jenseits des harten Kerns von öffentlichen und privaten Risikokapitalinvestoren. Zu den neuen Spielern, die wesentliche Teile von VC-Transaktionen bestreiten, zählen Business Angels, Corporate Venture Capital-Geber, Vermögensverwaltungen oder Unternehmen, die bislang nur im Marktsegment des nicht-börsennotierten Mittelstands unterwegs waren. Durch die Studie wurden 573 am Markt aktive Wagniskapitalanbieter, davon 60 in Baden-Württemberg ansässige Anbieter identifiziert. Damit diese sich vernetzen können, schaffen regionale Plattformen wie VC-BW und Veranstaltungen wie der VC-Pitch BW die notwendige Transparenz und dienen als Kontaktforen zur Anbahnung von partnerschaftlichen Engagements.

Die regionale Nutzung von VC ist unterschiedlich. Seit 2001 wurden fast 7.800 VC-Investitionen in Unternehmen mit Sitz in Deutschland getätigt. Rund neun Prozent oder etwa 600 Wagniskapitalbeteiligungen gingen davon in Unternehmen in Baden?Württemberg. Der Anteil von VC?finanzierten Unternehmen an den Gründungen ist damit in Baden?Württemberg im Bundesländervergleich vergleichsweise niedrig.

Berlin liegt bei VC in der Hightech- und Softwareindustrie vorne

Aber das gesamte Finanzierungsökosystem entscheidet über die Nutzung des VC-Angebots: Venture Credit statt VC. Gemessen an der Zahl der neuen Unternehmen, ist beispielsweise in der Hightech?Industrie und im Softwarebereich der Anteil der VC?finanzierten Unternehmen in Berlin sechsmal so hoch wie in Baden?Württemberg. In Bayern kommt VC in der Hightech?Industrie knapp viermal so häufig und bei den Softwareanbietern doppelt so häufig zum Einsatz wie in Baden?Württemberg. In Baden-Württemberg wird dies vielfach auf eine Angebotslücke gerade an niederschwelligem Früh-Phasen-VC zurückgeführt –auch die ZEW-Studie zeigt diese Lücke für die vergangenen Jahre. Allerdings sind bei der Gründungsintensität durchaus positive Tendenzen erkennbar und die Überlebensrate der Gründungen in Baden-Württemberg ist deutlich überdurchschnittlich.

Grundlage für die Studie ist das Mannheimer Unternehmenspanel des ZEW, anhand dessen offene Beteiligungen von Risikokapitalgebern im Zeitraum von 2001 bis2014 identifiziert wurden. Betrachtungsgegenstand ist die Anbieterseite des Wagniskapitalmarktes in Deutschland und insbesondere in Baden?Württemberg. Ermittelt und näher betrachtet wurden die Anzahl der VC?Investoren und die der Portfoliounternehmen, in die sie Wagniskapital investieren sowie die Anzahl und Volumina der vorgenommenen Wagniskapitaltransaktionen. Eingang in die Untersuchung fanden nur solche Transaktionen, die zum Erwerb von Minderheitsbeteiligungen (höchstens 50 Prozent) an Unternehmen, die selbst keine Unternehmensbeteiligungsgesellschaft sind, geführt haben. Zudem wurden nur solche Transaktionen ausgewählt, an denen mindestens eine in Deutschland aktive Beteiligungsgesellschaft beteiligt war. Die quantitative Analyse des Wagniskapitalmarktes wurde durch eine Expertenbefragung abgerundet.

Für Rückfragen zum Inhalt

Dr. Georg Licht, Telefon 0621/1235-177, E-Mail licht@zew.de

(Quelle)

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