Die Drogenkrise und ihre Kinder

Die Drogenkrise und ihre Kinder

Der Opioid-Missbrauch in den USA senkt die Lebenserwartung besonders bei den Babyboomern und der nachfolgenden Generation

Im Gegensatz zu den meisten Industrieländern ist die durchschnittliche Lebenserwartung in den USA erstmals seit dem Ersten Weltkrieg deutlich zurückgegangen. Von 2014 bis 2016 sank sie bei den Männern um drei Monate, bei den Frauen um etwa eineinhalb Monate. Der Hauptgrund dafür ist eine Zunahme der Drogentoten, wie eine Analyse des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung zeigt.

Bei vielen beginnt es mit einem scheinbar harmlosen Schmerzmittel. Doch opioidhaltige Arzneimittel lindern nicht nur Schmerzen, sie können auch rauschartig wirken und abhängig machen. Genau das ist in den USA bei vielen Patienten passiert, denen die entsprechenden Medikamente oft jahrzehntelang und mitunter leichtfertig von ihren Ärzten verschrieben wurden. In der Folge nahm die Zahl der Drogensüchtigen und Drogentoten in den USA zuletzt drastisch zu. Ein Forscherteam des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung in Rostock, hat dazu eine neue Analyse vorgelegt. Torsten Sauer, Marcus Ebeling und Roland Rau zeigen darin, welche Generationen von der Opioid-Epidemie besonders betroffen sind und wie sich die Krise über die Zeit entwickelt hat.

Um zu sehen, ob die Opioid-Epidemie vorwiegend bestimmten Generationen oder Jahren zugeordnet werden kann, haben die drei Wissenschaftler die Sterberaten von 15-bis 75-Jährigen in der Zeit von 1999 bis 2016 untersucht. Demnach stiegen die Sterberaten bei den späten Babyboomern, die zwischen 1956 und 1966 geboren wurden, besonders stark an. Das Gleiche gilt für die ersten männlichen Millennials, die im Zeitraum von 1979 bis 1989 zur Welt kamen. Weil damit im Prinzip vor allem die Babyboomer und ihre Kinder betroffen sind, werfen die drei Demografen die Frage auf, ob eventuell das gesundheitsschädigende Verhalten der Elterngeneration an die Kinder weitergegeben wird.

Neben diesen Generationseffekten lässt sich auch ein klarer kalendarischer Höhepunkt ausmachen: So deuten die Daten bei den Männern darauf hin, dass in den Jahren 2015 und noch deutlicher 2016 die Drogensterblichkeit stark angestiegen ist. Von den 20-Jährigen bis zu den 65-Jährigen verzeichnen alle Altersklassen eine teils drastisch erhöhte Sterberate aufgrund einer Überdosierung von Drogen.

Dass der Anstieg der Drogensterblichkeit auch die Haupt­ursache für den Rückgang der Lebenserwartung in den USA ist, fanden Torsten Sauer und seine Kollegen heraus, indem sie den Anteil der verschiedenen Todesursachen am Rückgang berechneten. Dabei zeigte sich, dass die Drogensterblichkeit bei den 20- bis 60-Jährigen den größten negativen Effekt hat. Und er würde noch deutlich stärker ins Gewicht fallen, wenn es nicht zeitgleich gute Erfolge bei der Bekämpfung von Krebs und Atemwegserkrankungen gegeben hätte, die einem stärkeren Absinken der durchschnittlichen Lebenserwartung entgegenwirkten.

Die drei Demografen vermuten aufgrund ihrer Analyse, die einen steigenden Anteil an Drogentoten zeigt, dass die Opioid-Krise nicht so schnell abklingen wird. Auch ganz aktuelle Zahlen bestätigen diese Einschätzung: In der Zeit von 2014 bis 2017 ist die Sterblichkeit durch die Überdosierung von Drogen jedes Jahr um weitere 16 Prozent gestiegen. Es seien daher weitere Maßnahmen nötig, um die Epidemie zu bekämpfen und das unnötige und vermeidbare Sterben in so jungen Lebensjahren zu stoppen, schreiben Torsten Sauer und seine Kollegen.

Weitere Informationen: www.mpg.de

BILD: In diesem sogenannten Lexis-Diagramm lässt sich ablesen, in welchem Alter und in welchen Geburtsjahrgängen es es besonders viele Sterbefälle aufgrund einer Überdosis an Drogen gegeben hat. 

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